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Der schöne Po des Johannes Anglicus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Tobias Winkler   
Samstag, 24. Oktober 2009 um 02:02 Uhr
Die PäpstinAm 22. Oktober kam der Film „Die Päpstin“ in die deutschen Kinos. Die Romanvorlage von Donna W. Cross ist so gut verkauft worden, dass sie vermutlich zu recht synonym mit dem Begriff „Historienroman“ verwendet werden kann. Das Buch habe ich gelesen. Vor dem Kinobesuch. Aber kann der Film halten, was das Buch vorgelegt hat? Lassen Sie es mich so ausdrücken: Der Regisseur ist Sönke Wortmann. Ein deutscher Regisseur. Und jetzt gehen Sie bitte zum Regal, pusten den Staub vom Duden und schlagen unter „O“ wie Otto das Wort „Oxymoron“ nach.

Kurz vor 20:00 Uhr ist die Werbung zu Ende und ich erhalten die Option auf ein Eis. Magnum mit irgendwas drauf. Die Frau auf dem Thron in der Berliner U-Bahn ist so beeindruckend ohne Wirkung, dass ich nicht nur kein Eis will, ich beschließe sogar, dem Eisverkäufer demonstrativ in die Augen zu sehen und mit Stechen und Starren meinen vollkommenen Kaufunwillen zu vermitteln. Auf dass der arme Lakai, vermutlich ein Student, vor Schreck schmelze und sein Wechselgeld liegen lasse. Dass kein Eisverkäufer kam, schmälert die Pointe ein bisschen, ändert aber nichts an den harten Fakten. Das Kino das ich besucht habe (ich will keine Namen nennen, aber ich gebe euch gerne einen Tipp: „Obelix schnappt sich Idefix und geht mit Asterix in das ...“), bietet für einen Film dieser Größenordnung natürlich genug Platz. Man kennt es ja aus der eigenen Firma: Je höher der eigene Arbeitsplatz liegt, desto mehr Ziffern muss die arme Frau der Lohnbuchhaltung auf dem Lohnschein eintragen. So auch hier: Vierter Stock, höher geht’s nicht mehr, größter Kinosaal. Da, wo andere Säle sich mit mageren 100-200 Plätzen begnügen müssen, hatte mein Chefsaal noch fast 500 Plätze frei. Und dabei war der Saal halb gefüllt. Nicht schlecht, das muss ich schon sagen. Und wie ich in den freien Minuten des Wechsels der Werbefilmrolle zur Filmfilmrolle ohne Kaisereis in der Hand abwarte und den Blick über die altersbedingten Tonsuren vor mir schweifen lasse, bleibe ich an einem „Pro-Kino“-Plakat hängen. Eine dicke Blondine mit Schwertern im gelben selbstgenähten Kill-Bill-Motorradoutfit. Nix gegen die Message, die kommt rüber. Der Werbeträger ist auch ok. Aber die Aussage, die ist im Speziellen gut. Und während der Film, oder, um in meiner eigenen Sprachwelt zu bleiben, der Filmfilm, anläuft und die ersten traurigen Geigentöne über die Halbglatzen streichen, stelle ich fest, dass die Botschaft des Plakats eigentlich ganz gut ist. Okay, streng genommen ist sie kapitalistisch und deprimierend, denn immerhin ist die eigentliche Botschaft: Klaut keine Filme durch illegale Raubkopien. Aber die Message hinter der Message, die Submessage sozusagen, lautet: „Leute – die Soundanlage in unserem Kino hat ein bisschen mehr Bums als eure traurige kleine Desktoplautsprecherkonfiguration. Und das bessere Bild haben wir allemal. Und wir haben Popcorn und hübsche Abreißerinnen.“ Und hinter dieser Message stehe ich. Wenn ein guter Film kommt, dann sollte man dafür ins Kino gehen. Schon allein, um dem Regisseur dafür indirekt ein Dankeschön auszusprechen. Und sollte der Film einmal nicht gut sein, wie auch immer das passieren mag, denn bei Gott, mir fällt wirklich kein Film ein, den ich jetzt gerade gerne verreißen würde, hat man mit dem Ticket immerhin so etwas wie ein gedrucktes Schwert in der Hand, mit welchem man seine Hiebe gegen den Regisseur richten kann. Und was in diesem Satz ein bisschen verzwickt und bemüht neopoetisch klingt, bezieht sich im Praktischen auf all die kleinen Worpress-Blogs in Netz und einen freundlich formulierten Brief der Art „Sehr geehrter Herr Regisseur Soundso, hiermit bitte ich freundlich um die Überweisung des Betrages in Höhe von (Ticketkosten) plus 500% Schmerzensgeld, denn Ihr Film war scheiße.“ Aber wie gesagt: Das ist nur theoretisch. Wer würde seine zurechtgezimmerten Wordpress-Blogs für schlechte Kritiken missbrauchen – das bringt einem kein Geld von Sponsoren ein.

Der Film läuft nun seit einigen Minuten und ich mache mich allmählich über mein Popcorn her. An dieser Stelle eine kurze Info aus meinem bisher abenteuerlichen Leben als Filmtheaterrezensent: Ich war nicht immer zahlender Gast. Ich habe mal in einem Kino gearbeitet und durfte daher kostenfrei Filme ansehen. Während dieser Zeit habe ich gelernt, dass ein Kino effektiven Gewinn ausschließlich durch den Verkauf von Naschkram erzielt. Sämtliche Einnahmen der Kartenverkäufe gehen an Lizenzgeber, Theatermiete, Gerätekosten und Lohnzahlungen. Ich habe natürlich keinen Zweifel daran, dass diese Information lückenhaft vermittelt wurde, aber sie gibt mir dennoch ein angenehm warmes Gefühl im Bauch, nach fast 20€ Eintrittskosten für nur zwei Personen, von denen einer schon einen Studentenrabatt erhalten hat, nochmal ca. 10€ an Popcorn und Cola rauszuschmeißen. Man macht's ja gerne, und wir alle haben ja genug. Umso besser, wenn nach diesem offensichtlichen Sarkasmus das Popcorn gut ist. Für Nachos mit Käsesauce und Chilischoten bin ich nicht Kerls genug. Für Snickers zu wenig Macho und für Brezeln zu weit im Norden geboren. Popcorn assoziiere ich zwar eigentlich mit amerikanischem Way of Life und Vorstadthausfrauen mit Industrieabfällen im Busen, aber der Zucker macht's wett. Während mir diese Gedanken kommen, sind die ersten 40 Minuten des Films schon vorbei und ich sitze mit meinem gutschmeckenden Popcorn im bequemen Kinositz.

Wo wir gerade beim Kinositz sind: In diesem Kino wurde ein eigenwilliges Modell verbaut, dessen Sitzfläche sich nach vorne schiebt, und dessen Rücken sich nach hinten schieben lässt. Ich habe mich gut erschrocken, denn welches Kino investiert schon gerne in neue Sitzmöbel? Investitionen erwarte ich eigentlich in unfreundlichem Personal, klebrigen Teppichen (irgendwo müssen die ja gekauft werden) und angepupsten Polstern. Aber ich gebe zu, dass ich gut gesessen habe. Und wenn ich mich bisher über die fast 20€ Ticketkosten gewundert haben sollte: Hier sind sie. Ich sitze mit meinem Hintern drauf.

Was gibt es sonst noch zu berichten? Mmh. Der Saal ist wirklich groß. Ich glaube, wenn auf der einen Saalseite jemals ein Feuer ausbrechen sollte, könnte die ganze Berliner Feuerwehr in aller Ruhe den nächsten Katastrophenfilm von Roland Emmerich ansehen, sich dann kollektiv beim Theaterchef über die Ticketpreise beschweren und dann über das Löschen des Feuers diskutieren, bevor eben dieses das andere Ende des Saals erreicht. Wer glaubt, dass das übertrieben und vollkommen überzogen ist, hat nicht unrecht, aber der maßlose Gebrauch von Übertreibungen und Metaphern ist das Hausrecht eines Autors, also lebt damit!

Und während ich mir zu meinem Mut gratuliere, diese Worte formuliert zu haben, fällt mir eine Sache ein, die mich dann vielleicht doch irgendwann dazu verleitet, den Jungens mit der Videokamera im Kinosaal einen Geldschein des Dankes ins Revers zu stecken: Die quatschenden Platznachbarn. Was fällt denen eigentlich ein, während einer Vorstellung die Handlung und die Orte des Films zu kommentieren? Laut und ohne jedes Schamgefühl. Leute, wenn ihr quatschen wollt: Es gibt Orte, wo man quatschende und tratschende Menschengruppen erwarten kann, und es gibt Orte, wo genau das nicht erwartet wird. Zur letzteren Kategorie zählen Kinos und meine Wohnung. Zur ersteren Kategorie alles andere. Wenn ihr also demnächst in einem Kino seid und mich seht (bitte keine unsachgemäßen Gegenfragen an dieser Stelle), spart euch das Kommentieren von Filminhalten. Offen gestanden sind die meisten Filme ohnehin mit einem so erschreckenden Maß an Geistlosigkeit, Uninspiriertheit und Trivialität ausgezeichnet, dass selbst der Moos an der Regenseite eines Baums jede einzelne Filmminute erraten könnte, wenn man ihm nur oft genug den Filmtitel und den Namen des Regisseurs vorliest *hust*Micheal Bay*hust*.

...wie bin ich jetzt eigentlich von meiner Filmkritik der Päpstin zu „Uninspiriertheit“ und „Trivialität“ gekommen? Gott allein weiß, wie das passiert ist.

Ich glaube, ich habe alles nennenswerte zum Film genannt. Fehlt noch was? Uhm, ach ja: In einer Szene kann man die Hauptdarstellerin nackt von hinten sehen. Zumindest das ist mir in positiver Erinnerung geblieben. Sonst nichts. Großer Kinosaal, gutes Popcorn, bequeme, verschiebbare Sitze und nackte Frau. Ja. Alles da.

Ist es nicht großartig, wenn Filme so knackig kommentiert werden können?
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 08. November 2009 um 13:39 Uhr
 
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