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Die Zitzen der Zweitklassigkeit PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Tobias Winkler   
Sonntag, 18. Oktober 2009 um 18:36 Uhr
Wolfmother - Cosmic Egg

Wolfmother haben ein neues Album rausgebracht. Die Fortsetzung des furiosen Debuts „Wolfmother“ vier Jahre zuvor. Seit diesen vier Jahren ist das Album auf allen guten Parties zu hören, nicht zuletzt, weil das Album einfach nur großartig ist. Was ist nur in die Band gefahren, Cosmic Egg so aufzunehmen, wie sie es letztlich getan haben?
Cosmic Egg ist langweilig. Cosmic Egg ist The Darkness. Es ist Darwin, Evolution und Zweitklassigkeit in einem. Kennen Sie noch The Darkness? Die Band mit dem Sänger ohne Genitalien? Erinnern Sie sich noch an die Presse? Die Band, die die 70er Jahre wiederbelebt, die Glamrock und männliche Sopransänger wiederauferstehen lässt. Und zugegeben, das erste Album war nicht übel. Ungewohnt und, für die Zeit, unerhört frisch (auch wenn sie ironischerweise nur das gespielt haben, was vor einigen Jahrzehnten schon wieder aus der Mode war). Nach einiger Zeit gab es ein zweites Album. Man wollte nicht sagen, dass es schlecht sei, das wäre unhöflich gewesen, man hat sich ganz einfach massiv zurückgehalten. Und nun gibt es die Band nicht mehr. Zumindest habe ich seitdem nichts mehr von der Band gehört. Dann war die Phase der PsychRock- und Glamrock-Bewegung auch schon wieder vorbei und in den Radios lief wieder irgendwas. Aber dann, erst ganz langsam, dann immer schneller, wie eine Lawine, der man einfach nicht aus dem Weg gehen kann, kam Wolfmother über uns. Und wie! Mit einer Gewaltigkeit, die auf so beeindruckende Weise einem Hybriden aus stampfender Lokomotive und Marktclown mit Balisett gleicht, einem Sänger, die so singt, wie all die Kokainleichen aus den Plattensammlungen der Eltern und einer Band, die nicht einfach nur so klingt, als wäre sie eine gute Liveband, nein, einer Band, der in der Tat DIE Liveband ist.

Wolfmother haben ihre Wurzeln. Klar. Und warum verheimlichen, wenn man es in klaren Melodien zum Ausdruck bringen kann? Und auch dies macht Wolfmother aus. Es gibt Melodien, an denen ich Jack White bildlich vor mir sehe, und Textpassagen, bei denen ich gar nicht anders kann, als mir Ozzy vorzustellen: In der einen Hand einen Geldschein, zu einer kleinen Rolle gedreht, am einen Ende weiß gepudert, am anderen Ende mit Nasensekret bekränzt, und in der anderen Hand eine Schreibfeder, bereit, die Zeile „Feen tragen Stiefel und tanzen mit den Zwergen, du musst mir glauben!“ zu schreiben. Das Album „Wolfmother“ war eine einzige große Gewaltigkeit. Unerhört gut, und, metaphorisch gesprochen, genau das 1l-Glas eiskalter Cola gewesen, dass ich in der sengenden Hitze der Christina-Aguillera-Wüste gebraucht habe.

Das war 2005.

Und jetzt, 2009, bringen sie Cosmic Egg heraus. Wenn eine Band mit einem Debut sehr erfolgreich ist und nun ein Folgewerk herausbringt, müssen sie einfach damit leben, dass sie am Debut bemessen werden. So ist das halt. Und ich hatte mich bereits darauf vorbereitet, nicht zu hart mit ihnen zu Gericht zu gehen. Ich habe mir das Ziel gesetzt, fair zu bewerten und, soweit es denn ging, so zu hören, als würde ich hier das erste Mal von Wolfmother hören. Aber das Album ist Grütze. Ganz große Grütze.

Ich weiß, ich weiß, ich könnte mich hier auch gewählter ausdrücken. Aber dann würde ich immer noch das gleiche aussagen, nur die Farben wären schöner. So versteht mich wenigstens jeder: Ich bin maßlos enttäuscht. Das Debut von Wolfmother war so herausragend, so tiefgreifend und fundamental gut für ein Debut und vor allem: So hoffnunggebend, dass kommende Werke dieser und anderer Bands in diese Richtung schwenken, dass ich immer noch nicht fassen kann, was alles an beleidigender Langeweile meine Ohren vergewaltigt.

Ich meinte es ja bereits: Eine erfolgreiche Band muss sich stets an ihrem erfolgreichsten Werk messen lassen. Das harte Schicksal derer, die 10.000€ pro Woche an Plattenverkäufen kassieren. Ich nehme an, Pink Floyd, The Doors und Mike Oldfield können ganze Bände darüber schreiben. Und in genau dieser Perspektive versagt „Comic Egg“. Das Album selbst ist kein prinzipiell schlechtes Album. Der Sänger ist immer noch gut, auch wenn er nicht mehr richtig aus sich rauskommt. Auf „Wolfmother“ ist er abgedreht, hat gesungen, als hinge sein Leben davon ab und als würde er gerade unglaublich viel Spaß dabei haben. Ja, ich finde ganz offen und ehrlich: Man kann hören, ob jemand den Spaß seines Lebens dabei hat, einen Song zu singen, oder ob er einfach seinen Job macht. Die Band ist ebenfalls immer noch gut. Sie hämmert nicht mehr mit jeder Note das Verlangen nach körperlicher Bewegung in meine Körperzellen. Sie zwingt mir auch nicht mehr die Vorstellung auf, heftig die E-Gitarre imitierend vor dem Spiegel zu stehen und so zu tun, als wäre ich Mr. Stockdale von Wolfmother. Zugegeben, ich würde so etwas nicht machen, weil ich keiner von denen sein will, die alleine in einem leeren Zimmer stehen, Luftgitarre spielen und sich dabei wie ein Rockstar vorkommen. Dafür ist Guitar Hero da. Aber das bedeutet nicht, dass ich die Vorstellung nicht gerne hätte, genau das zu tun. Aber die Band macht ihren Job trotzdem ganz ordentlich. Und ist damit nicht schon alles gesagt? Also, wirklich alles? Wolfmother machen ihre Sache ganz gut. Wäre dies hier ein Arbeitszeugnis, könnte sich die Band morgen auf dem Arbeitsamt, sorry, Agentur für Arbeit melden. Wir kenne doch alle die Codewörter eines Arbeitszeugnisses.

Und dabei hat Wolfmother kurz vor Veröffentlichung des Albums so hohe Erwartungen geweckt. Sie haben einen Song des Albums (der Deluxe-Edition, um genau zu sein) vorveröffentlich. Als kostenfreies Preview und Kaufanreiz. Und das hat bei mir gut funktioniert. Der Song war hervorragend. Er war genau das, was ich mir von „Cosmic Egg“ erwartet habe. Er hat mir die Erwartung gesetzt, dass Wolfmother tatsächlich in dem Stil weitermachen, der in „Wolfmother“ vorherrschend war. Nun gibt es für derartige Verwandlungen natürlich schon Vorbilder. Wolfmother ist ja nicht die erste Band der Welt. Ich erinnere mich nur zu bildlich an Fleetwood Mac. Die Band war mit Ihrem Gitarristen Peter Green eine herausragende Bluesrockband. Dann ist dieser aus, sagen wir, privaten Gründen gegangen und die Band wurde ab diesem Zeitpunkt eine kommerziell durchaus erfolgreiche Popband. Wer kennt ihn nicht, den Song „Tell me lies, tell me sweet little lies“? Vielleicht bin ich ja auch nur ein Rockopa, der nicht wahrhaben will, dass sein Lieblingsenkel jeden Tag auf der Schattenseite des Hauptbahnhofs steht und biologische Waren anbietet? Aber wenn Wolfmother wirklich vorhaben sollte, ihren aktuellen Stil fortzuführen, hoffe ich sehr, dass sie ihren Job gut machen. Sie wären weiß Gott nicht die ersten One-Hit-Wonders, die später von Sozialhilfe leben.

Fairerweise muss ich natürlich noch folgendes anfügen: Ich habe selbstverständlich mitbekommen, dass die Band Wolfmother, die „Cosmic Egg“ aufgenommen hat, nicht die gleiche Band ist, die „Wolfmother“ aufgenommen hat. Andrew Stockdale, Sänger und Gitarrist, ist noch dabei. Die restlichen Bandmitglieder sind weg und wurden ersetzt. Das da nicht der gleiche Sound rauskommen kann, ist mit klar. Und auch die großartigen Dinge des Albums habe ich teils rausgehört und teils gelesen. Die vielen Anspielungen auf Bands, zum Beispiel. Diesem Motto ist die Band immer noch treu geblieben. Und zugegeben: Led Zeppelin so deutlich als Einfluss einzubauen, ist nicht das Verkehrteste. Aber ich bin ein Kosument, und nicht der Großvater von Wolfmother. Für mich ist „Cosmic Egg“ die Summe des Hörerlebnisses. Ich kannte von Wolfmother ja auch nichts, als ich „Wolfmother“ gehört habe. Das Hörerlebnis war trotzdem phänomenal. Und nur darauf kommt es für mich an. Es muss sich anhören. Und „Cosmic Egg“ hört sich nicht an. Es langweilig. Es ist exakt das, was auch ganz viele andere Bands spielen. Wolfmother ist aus dem Speziellen herausgewachsen und in die triviale Allgemeinheit des breit zugänglichen Rocks herabgestiegen. Willkommen bei Queens of the Stoneage. Vielleicht machen sie demnächst eine Tournee. Zusammen mit The Darkness und Jethro Tull.
Zuletzt aktualisiert am Samstag, 24. Oktober 2009 um 02:12 Uhr
 
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