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Heute war die Deutschlandpremiere von Transformers: Die Rache. Es gibt so viel, was man über diesen Film sagen kann. Man kann zum Beispiel anführen, dass in diesem Film die Brüderschaft der Soldaten gefördert wird. Dass sich der Film um die Belange eines Mannes kümmert, der die große Liebe seines Lebens nicht mit dem Übereifer seiner Leidenschaft vertreiben will. Dass die Liebe den Tod überwindet. Und weil es so viel zu berichten gibt, hier ein paar der wesentlichsten Fakten in aller Kürze: Der Film hat Überlänge, wird mit Pause ausgestrahlt, ich bin ob der erfolgten Bezahlung der Kinokarte im Nachhinein peinlich berührt und Michael Bay hat die dicksten Eier des Universums.
Moment. Wie war das gerade? Ja, sie haben richtig gelesen. Michael Bay hat die dicksten Eier des Universums. Ach, Universum. Aller jemals erschaffenen Galaxien! Aller möglichen und unmöglichen Galaxien, Paralleluniversen und Zeitlinien. Und das ist eine ganze Menge! Vielleicht hat Bay auch nur gewaltig etwas zu kompensieren, aber das glaube ich nicht. Das käme nicht gut in den Medien, und Bay würde mir sicher eine Klage wegen Verleumdung an den Hals werfen. Und dann käme es zum Prozess, Bay müsste zum Beweis seine Hose runterlassen und die Welt ginge unter, weil ich selbstverständlich unrecht hätte. Wer einen Film dreht, indem es drei Stunden lang nur um die größten Explosionen der Erdgeschichte geht, der muss es wirklich draufhaben. Der Film startet besonnen. Das bescheidene Anwesen einer vermutlich durchschnittlich verdienenden Familie irgendwo in der Vereinigten Staaten von Amerika. Ein Junge verabschiedet sich von seinen Eltern, da dieser nun irgendwo studieren will. Die Mutter heult Rotz und Wasser, der Vater freut sich: Er kriegt endlich sein Film-Zimmer. Das sind ca. 10 Minuten des Films. Ab hier knallt es so oft, so heftig und so permanent, dass man sich ernsthaft, aber auch wirklich ernsthaft fragen muss, wo Michael Bay während der Dreharbeiten eigentlich seine Genitalien abgestellt hat. Der gesamte Film, die vollen drei Stunden, scheinen, respektiv betrachtet, eine Aneinanderreihung von Explosionen, Toten, Schmerz, Blut und monströsen Maschinen zu sein. Und da fliegt noch einer hundert Meter durch die Luft, und da explodieren schon wieder fünfzig Autos gleichzeitig, und da sieht man erneut blutverschmierte T-Shirts, und da transformiert sich zum hundertsten Mal ein 20 Meter großer Roboter mit Dolby Surround in eine Kampfmaschine. Und es hört einfach nicht auf! Immer mehr fliegt in die Luft, die Explosionen werden immer größer und die Welt ist einmal mehr drauf und dran, zerstört zu werden. Kennen sie, werte Leser, die wesentlichen Merkmale eines Epos? Und ich spreche hier nicht von Epen im Sinne großartiger Filme. Nein, ich spreche von der rein literarischen Gattung des Epos'. Na, ich erspare ihnen mal die Blöße und sag's einfach: Der Held erfährt im Epos keine geistige und/oder emotionale Reife. Der Held bekommt eine Aufgabe zugeteilt, die er bis zum bitteren Ende durchziehen muss. Wie sehr sich der Held auch gegen die Aufgabe sträuben mag: Seinem Schicksal entkommt er nicht. Es werden Waffen und Gegenstände vorgestellt, denen magische oder besondere Fähigkeiten zugesprochen werden. Vergangenheitsbezogenheit: Früher war alles besser. Wollen wir das Erlernte doch gleich mal anwenden, indem wir den neusten Streifen Bays analysieren: Der Held hat von Anfang an keine Lust, an diesem Unfug teilzuhaben. Aber was soll er machen: Kommt unser Held nicht zum Krieg, kommt der Krieg zu unserem Helden. Unser Held ist von Anfang an fixiert auf die Aufgabe, die man ihm zugewiesen hat. Selbst als er stirbt, kommt er wieder zurück, um seinen Job zu erledigen. Ein Teufelskerl! Die Maschinen können ohne Munition und Nachladen schießen, können fliegen und tauchen und tragen beeindruckende Namen wie „Powermaster Optimus Prime“. Zu Zeiten Gilgameschs und Beowulfs wären die Transformers noch „Hünenhafte Schwerter, geschaffen von Urahnen, mit absonderlichsten und mächtigsten Kräften ausgestattet“ gewesen. Die Transformers reden dauernd von der großen, alten Zeit, als es noch mehrere Primes gab und alle in Frieden miteinanderlebten. Passend dazu die Einblendungen gigantischer, im Gegenlicht stehender Transformers, die selbstverständlich wissen, was zu tun ist. Ebenso unser Held. Da komme was wolle: Der Held weiß ganz genau, dass das, was er macht, der Erfüllung seiner Aufgabe dient. Da kann er zwischendurch sterben, da kann er gegen Weltraummonster antreten und alle seine Freunde und Bekannte ins Verderben führen: Er weiß, dass letztlich alles gut werden wird. Wie außerordentlich episch... Michael Bay hat mit Transformers: Die Rache einen, im klassischen Sinne, Epos verfilmt. Mit all seinen Vor- und Nachteilen. Ein weiterer Zug des Epos' ist die detaillierte Beschreibung von Kriegshandlungen. In diesem Film wird nur gekämpft. Und wenn gerade nicht gekämpft wird, dann nur, um den Schauplatz zu wechseln. Aber da die Transformers auch teleportieren können, geht das ganz schnell. Und dann fliegen dem Zuschauer wieder die Soldaten um die Ohren. Und es kracht erneut mit einer Bildgewaltigkeit, mit der sich Bay von Knall zu Knall übertrumpft. Hätte Bay keinen Epos gefilmt, dann hätte er möglicherweise registriert, dass seine Schauspieler keinen Halt in diesem Film finden. Dass sie wie Marionetten über die Leinwand torkeln, keine wirkliche Funktion haben. Bis auf den einen, dem Hauptdarsteller, dem man aber leider nicht abkauft, dass das, was er durchlebt, sein tatsächliches Leben darstellt. Nein, unserem Hauptdarsteller wurde ein Drehbuch geschrieben, dass ihm die Welt zurechtschneidet, damit alles passt. Welch ein Glück, dass man an ihn gedacht hat. Denn abgesehen von unserem Hauptdarsteller ist es ein Film ohne Hauptdarsteller. Ein Film über Transformers, die glücklicherweise menschliche Hilfe brauchen. Hätte Michael Bay keinen Epos gedreht, wäre ihm vielleicht auch aufgefallen, dass der Film eine so lächerliche Story hat, dass es mir fast peinlich ist, die Krümel an mensch-maschineller Kommunikation und Handlungsmotiviation eine Story zu nennen. Wenn ich jemandem einen Tritt in den Hintern gebe, ist sein Sturz ja auch keine ausformulierte Geschichte. Man würde es wohl eher Konsequenz nennen. Man kann den Film selbstverständlich auch von einer anderen Seite betrachten. Man kann zum Beispiel sagen, dass Michael Bay einen großartigen Actionfilm gedreht hat. Dass die Bilder spektakulär sind und die Computereffekte vermutlich neue Maßstäbe setzen. Und natürlich: Dass so ein Epos auch etwas Gutes hat. In eine epische Geschichte mit so viel Feuerwerk und Gesterbe kann man sich recht gut einlassen, sich euphorisch mitreißen lassen. Aber in jeder einzelnen Minute des Films sieht man, wie die triviale Handlung und die schlechte Schauspielerei aller Mitwirkenden durch dieses Übermaß an Gewalt und Explosionen kaschiert wird. Frei nach dem Motto "Je mehr es kracht, desto weniger achten die Leute auf das Gequatsche der Schauspieler". Oder andersrum: "Je weniger Story ich einbaue, desto mehr muss ich es krachen lassen". Alles in allem bin ich am meisten durch den Gedanken enttäuscht, dass die Transformers eigentlich eine ganz nette Idee sind und in den Händen eines tatsächlichen Regisseurs vermutlich ganz gut geworden wären. Wahrscheinlich wäre dann immer noch keine Lobpreisung von mir gekommen, aber immerhin auch kein totaler Verriss. Michael Bay hat sich in diesem Film mal wieder selbst übertroffen, und ist ironischerweise gleichzeitig der Alte geblieben: Nie den Film verbessernd, nie Schauspieler mit Talent auswählend, immer noch größere Explosionen einbauend. Und spätestens zum Beginn des nächsten Transformers-Films, der sicher bald kommen wird, sollten wir unsere Hüte festhalten: Transformers: Die Rache ist an Zerstörungswut eigentlich nur noch zu toppen, indem Bay beim kommenden Film es nicht mehr nur IM Film krachen lässt, sondern zudem das ganze Kino hochjagt. |