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Grober Unfug PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Tobias Winkler   
Sonntag, 21. Juni 2009 um 17:37 Uhr
Jetzt ist es also doch noch passiert. Nach fast fünfzig Jahren Sendezeit ist Star Trek salonfähig geworden. Jetzt können wir endlich in den feinen Weinclub treten, ein Gläschen schwenken und schnäuzerzwirbelnd geistreiche Sätze von uns geben, wie: „Wer hätte gedacht, dass man Quantensingularitäten für SOETWAS benutzen kann?“ Und ganz ehrlich: Ich hätte es nicht mehr erwartet.

Bevor am 16. April der elfte Film der Star Trek-Reihe in die deutschen Kinos kam, war die Serie von Gene Roddenberry bereits reichlich angestaubt. Sie war für diejenigen vorbehalten, die in der Schulcafeteria im Klüngel beieinandersaßen und über Sinn und Unsinn von Bussard-Kollektoren und Transwarpfeldern diskutierten. Doch nun hat sich all dies geändert. Kein Gegrinse mehr hinter vorgehaltener Hand und auch kein überhebliches Getuschel mehr, sobald ein Mitglied dieser aknebelasteten Bande einen Willkommensgruß auf Klingonisch ausruft. Volksgerechte Gestik inklusive.

Star Trek war seit jeher makelbehaftet. Star Trek war schon immer die fragwürdige Utopie einer Gesellschaft, die die Verwürfnisse des Kapitalismus und des Despotismus endgültig hinter sich gelassen hat. Eine Gesellschaft, die als oberste Ideale die Wissenschaft und die Verständigung zwischen den Völkern des Universums kannte. Keine Kriege auf der Erde mehr, keine Hungersnöte, Haufen seltsamer Lebewesen und noch dazu eine Technik, die nach heutigen Maßstäben, freundlich formuliert, phantastisch ist. Wenige haben erkannt, was Star Trek tatsächlich geleistet hat: Gene Roddenberry hat eine Serie geschaffen, die auf eine wunderbare Art zeigt, wohin die Menschheit eines Tages streben kann. Was aus Ihr werden könnte, wenn ein Funken Hoffnung verbleibt. Wenn man sich die Zeit nicht mit Dystopien und Pessimismus vertreibt.

Star Trek hat viel für die Gleichberechtigung und die Akzeptanz zwischen Völkern und Geschlechtern getan. Star Trek hat einen Weißen eine Schwarze küssen lassen, hat einen Russen ans Steuerpult gesetzt, präsentiert von Anfang an mehrere bösartige Rassen, mit denen im Laufe der Serie auf Grundlage diplomatischer Bemühungen Frieden geschlossen wurden. Und überdem hat Star Trek etwas geleistet, das keiner anderen Science-Fiction-Serie zugutegehalten werden kann: Star Trek hat versucht, auf Grundlage aktueller physikalischer Theorien die eigene Serienwelt zu erklären. Wo in Terminator eine Maschine gebaut wird, die Zeitreisen ermöglicht, ein deus ex machina in Reinform, existieren im Star Trek-Universum physikalische korrekte Möglichkeiten, die allesamt beschrieben und erläutert werden. Star Trek ist physikalische Peoesie, geschrieben auf dem Papier groben Unfugs.

Aber da dieser Unfug ein so Großer ist, dass man ihn einfach nicht übersehen kann, ist der schöne, poetische Teil schwer zu erkennen. Deshalb ist Star Trek seit fast fünfzig Jahren ein Nischenprodukt. Eine Serie für Geeks, Nerds und Freaks. Und nun der Film. Der elfte Versuch, Star Trek einem größeren Publikum gefällig zu machen, war ein so unerwarteter Erfolg, dass ich gleich zweimal ins Kino gegangen bin. Star Trek wurden plötzlich Adjektive zugesprochen, die selbst traditionellen Trekkies nicht in den Sinn gekommen wären: Spritzig, rasant, pointiert, cool.

Der Film ist das, was Star Trek nie sein konnte. Star Trek musste um seine Botschaft kämpfen, konnte nicht einfach eine Schlägerei in einer Kneipe aufziehen, wenn das Wohl der Galaxis auf dem Spiel stand. Aber nun haben alle die ewigen Philosophien gehört. Genug jetzt! Wir wissen ja, das alles den Bach runtergeht, wenn die Sternenflotte mal für eine Sekunde nicht aufpasst. Fünfzig Jahre Moral, fünfzig Jahre Anstand, fünfzig Jahre physikalische Theorien. Die Serie kann sich sicher sein, dass die Botschaft angekommen ist. Keine Bedenken mehr, keine Zeit mehr, jetzt musste endlich dieser Befreiungsschlag her, der die Fesseln zerschlug. Und verdammt, der Film ist gut geworden. Der Film nimmt eine gute Portion klassischer Elemente aus der alten Serie (z.B. Miniröcke und Romulaner mit verdächtig menschenähnlichem Aussehen) und kombiniert sie mit neuen Ideen, um die Serie ein wenig vom albernen Charme der originalen Serie zu befreien. Die Handlung ist ausreichend direkt und vorhersehbar, und um die Zuschauer nicht einschlafen zu lassen, mit knallenden Wendungen und saftigen Spezialeffekten garniert. Kurzum: Ein vollkommen gelungener Film, für alle, die nicht mit Herz und Seele in der Star Trek-Welt stecken. Und für die restlichen zwei Prozent der Weltbevölkerung: Grober Unfug, aber ein verdammt guter.
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 21. Juni 2009 um 20:25 Uhr
 
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