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Und so zerbröselt der Keks nun mal... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Tobias Winkler   
Sonntag, 21. Juni 2009 um 17:33 Uhr

Am 24. Juli 2008 kam der zweite Film des Serienklassikers "Akte X", "Akte X - Jenseits der Wahrheit" in die Kinos.

...Akte X? Kam das nicht vor, äh, sechs oder sieben Jahren zuletzt im Fernsehen? Leben Duchovny und Anderson überhaupt noch? Ja, sie leben noch und der Film ist noch stumpfsinniger, als ich es mir je erwartet hätte.

Damals, als Akte X noch lief, wurde eine komplett neue Welt von Spannung, Geheimnissen, Verschwörungen und Mysterien angestoßen, die bis heute von Serien und Filmen aller Art verarbeitet wird. Nicht ohne Grund wurden die X-Akten, sowie die beiden Protagonisten, in jeder erdenklichen Art und Weise persifliert, kopiert und verarbeitet. Nach ca. sechs Jahren seit dem Ende der Serie ist davon allerdings nicht mehr viel im Gedächtnis der Menschen übrig geblieben. Warum auch? Es ist sechs Jahre her, und wir haben Duchovny/Anderson in genau der Erinnerung, die in der Regel nach so langer Zeit gütig einzusetzen pflegt: Großartige Charaktere, großartige Serie, und Schluss.

 

Nach all dieser Zeit holt Regisseur Chris Carter das Ermittlerduo ohne einen erkennbaren Grund aus der Tiefe der wohlverdienten Ruhe und versucht, die selbstverständlich hohen Erwartungen der Fans zu erfüllen. Nach so langer Zeit gilt aber leider das Axel-Schulz-Prinzip: Siege, und du wirst in den Himmel gelobt, verliere, und du wirst als von allen bemittleidete, jämmerliche Kreatur in aller Munde sein.
Und das bist du. Das letztere.

Der Film lässt spooky Mulder und Rotschopf Scully in alter Manier durch die düsteren Ecken einer dreckigen und zugeschneiten 1,5-Seelengemeinde stolpern; beglückt Fans mit alten Erinnerungen, beispielsweise einen sonneblumkernessenden Mulder vor seinem "I want to believe"-Poster; der kurze Hinweis auf das gemeinsame Kind; das Auftauchen bekannter Figuren, wie beispielsweise Walter Skinner. Alles ist da, sogar ein bisschen paranormale Paranoia. Aber der Film verliert sich dennoch irgendwo zwischen wilden Klettereien im endlos groß dimensionierten Hausrohbau und deprimierenden Perspektiven über amerikanische Walachei. Carter will keinen neuen Teil der X-Files. Er kann aber auch nicht ganz ohne, denn, verdammt, hier geht es um Fox Mulder und Dana Scully aus den X-Files.

Würde man einen Film über O.J. Simpson drehen und dabei nur eine Szene aus "Die nackte Kanone" nachspielen, würde das ebenso funktionieren: Viele würden sich erinnern und den Film sehen wollen. Vielleicht tritt ja sogar dieser drollige Kanadier in einer Gastrolle auf. Aber da fehlt etwas. Zum Beispiel der ganze Rest. Die ganzen dreckigen Details. Und wenn jemand, sechs Jahre nach Serienende hin oder her, einen Film mit den Hauptprotagonisten der X-Files dreht und das Wort "Akte X" im Titel anführt, dann erwarte ich zumindest den erkennenswerten Versuch, an die alte Tradition anzuknüpfen. Endlose, schwarze Wege, die ins Nichts zu führen scheinen; unerschrockene Agenten im Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner; vielleicht das eine andere Monster; spektakulär verworrene und detailreiche Verschwörungen - DAS ist die Akte X.

In diesem Film, den Carter mit vollem Bewusstsein halb von dieser Tradition abwenden wollte, sehen wir nun einen Amalgam aus einer pflichtbewussten und allmählich an Gott zweifelnden Ärztin und die wieder einmal bösen Russen, die mit einem übersinnlichen Kindesschänder in einer Art symbiontischer Beziehung stehen. Die eine Hälfte des Films: Scully versucht, einem todkranken Jungen zu helfen. Die andere Hälfte: Mulder versucht, eine in Lebensgefahr schwebende FBI-Agentin zu finden. Kurz vor Ende des Film kommt Mulder in Gefahr, Scully hilft ihm zusammen mit ihrem ehemaligen Vorgesetzten Skinner, der praktischerweise gerade nichts anderes zu tun hatte. Das Ende des Films und damit der Klimax dauert etwa zehn Minuten. Und das alles ist noch lange nicht das Schlimmste des Films.

Wir sind aus Akte X gewohnt, irgendwo eine Antwort zu erwarten. Die große Antwort. Wie oft haben wir Mulder fragen hören: "Da draußen, irgendwo dort, muss die große Antwort liegen." Und dann, kurz bevor das Saallicht angeht, kommt Mulder mit einem so banalen Spruch daher, wie ich es aus dem Mund des ehemaligen Special Agent Spooky nie erwartet hätte: Die Antwort ist "Glaube an dich!", "Gib nicht auf!". Spektakulär! Die komplette Serie über hat Mulder nach Antworten gesucht, die erklären, warum Außerirdische seine Schwester gekidnapt haben und was hinter dem weltweiten Komplott der höchsten Politiker steht. Im letzten Film gab es Hubschrauberjagden und wilde SWAT-Verfolgungen auf Mulder, nur, weil er sich mit nichts geringerem als Der Antwort zufriedengeben wollte, weil er Die Wahrheit endlich herausfinden wollte. Und plötzlich kommt Carter daher, erweckt die beiden wieder zum Leben und findet, stolpert fast, über eine Weltantwort der Marke "Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich's Wetter, oder 's bleibt wie's ist". All die Jahre der Spurensuche, der FBI-Arbeit um die Machenschaften der Alien-Invasoren, die ganzen Kämpfe und Konflikte der hohen Politiker und betrauten FBI-Angestellten, all dies verdampft in eine quasichristliche Moralansicht: Egal, wie schlecht es dir geht, glaube an dich! Gott hat dir den Weg auferlegt, habe die Stärke, an diesem Wissen festzuhalten. Und so zerbröselt der Keks nun mal. Und alles passt so wunderbar zum schönen Ende, das Scully und Mulder ein Pärchen sind, und irgendwo in der Karibik planschen gehen.

Regisseur Quentin Tarantino meinte einst: Er müsse sich von Film zu Film selbst beweisen, er müsse immer besser werden. Er wolle nicht einer der Schlappschwanzregisseure werden, die im höheren Alter nur noch Liebesdramen und Sentimentalitätsschnulzen drehen. Kurz darauf kam Kill Bill in die Kinos. Ich möchte hier und jetzt Chris Carter keine Schlappschwanzeigenschaften zuweisen. Aber er hat es definitv nicht gepackt. Ist ist unter der Norm geblieben, hat das Flair der X-Akten aufgenommen und auf halbe Wege liegenlassen, getauscht gegen eine halbgare Krankenhausstory, hat die fundamentalste Eigenschaft von Akte X verstümmelt, um die Kinobesucher nicht mit schwierigen Fragen zu belasten, auf die sie, dem Prinzip der perfekten Verschwörung folgend, erst dann eine Antwort erhalten würden, wenn die Außerirdischen bereits ihre Tür eintreten.

Der Film hat mich enttäuscht, und er ist seine beiden großartigen Protagonisten nicht wert.

Aber ein heiles Haar möchte ich dem Film jedoch lassen. Das Foto von George W. Bush Jr. drei Sekunden in Großaufnahme zu zeigen und dazu das klassische Akte X-Pfeifen zu spielen: Unbezahlbar!

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 21. Juni 2009 um 20:26 Uhr
 
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